Immer wieder werden wir leider von Horror-Nachrichten über Tierquäler aufgeschreckt, aber ich denke, niemand kann sich wirklich vorstellen, selbst einmal direkt betroffen zu sein, ich jedenfalls nicht.
Unser Phoenix ist am 04. August 27 Jahre alt geworden und damit ein echter Pferde-Senior. Die meisten seiner Zähne liegen bei uns zuhause in der Schublade, sein Rücken hängt etwas durch und er hat Arthrose, aber trotz seiner altersbedingten Beschwerden ist er immer noch ein sehr lebhaftes, lebensfrohes Pony. Er gehört jetzt seit 21 wundervollen und turbulenten Jahren zu unserer Familie und ist uns natürlich sehr ans Herz gewachsen. Daher wollen wir ihm auch einen möglichst artgerechten Lebensabend mit viel Auslauf in einer kleinen Herde ermöglichen. In seinem Heimatstall hat ihn aufgrund seines freundlichen Wesens jeder gern und entsprechend wird er von allen verwöhnt und betudelt.
Bis zu diesem tragischen Wochenende hat er mit uns immer noch auf kleinen ruhigen Ausritten das Bünder Land erkundet.
Aufgrund der heißen Temperaturen dieses Sommers, die bekanntlich auch Tieren zu schaffen macht, haben wir unsere Ponys zur Zeit nachts auf einer weitläufigen Wiese direkt am Haus der Stallbesitzer untergebracht.
An dem besagten Sonntag morgen erhielt ich von einer Freundin, die die Pferde morgens in den Stall holt, einen aufgelösten Anruf, Phoenix habe sich verletzt, ihm liefe das Blut die Hinterbeine herunter, alles sei blutverschmiert, aber er ließe sie nicht an die Wunde heran. Natürlich bin ich sofort zum Stall gefahren und habe dann auch direkt den Tierarzt gerufen. Die Wunde fanden wir schwer erreichbar oben zwischen den Hinterschenkeln (ungefähr da wo bei einem unkastrierten Tier die Hoden liegen). Völlig untypisch für ihn war Phönix aber überaus erregt, fast aggressiv, weshalb eine eingehende Untersuchung nicht ohne Gefahr für uns selbst möglich war. Eine Sedierung oder gar Narkose kam aufgrund seines hohen Alters nicht in Frage, weshalb wir zunächst eine Notfallversorgung inklusive Schmerzmittel und Antibiotikagabe durchführten. Erst bei der Folgeuntersuchung am nächsten Tag stellten wir fest, daß die Wunde tiefer geht. Da Phoenix sich mittlerweile wieder etwas zugänglicher zeigte, wollte der Tierarzt die Wunde innen durchspülen und desinfizieren und war fassungslos, dass er 14 cm Schlauch in den Oberschenkel schieben konnten. Noch merkwürdiger war der Umstand, daß die Wunde klinisch rein und die Wundränder sauber geschnitten waren. Der Tierarzt sprach dann auch als erster aus, was uns allen im Kopf rumging :
Das kann er nicht selbst gemacht haben, das war kein Weideunfall !
Diese ungeheuerliche Aussage drang trotzdem nur langsam in unser Bewußtsein vor, aber Lage, Form, Beschaffenheit, Verlauf des Stichkanals und Tiefe der Verletzung sowie der Umstand, dass wir über 2 Stunden erfolglos die komplette Koppel nach einem Verletzungsrisiko abgesucht hatten, ließen keine andere Schlußfolgerung zu. Zudem springt Phoenix in seinem Alter nicht mehr unkontrolliert über die Wiese, um sich dann an dieser schwer zugänglichen Stelle 14 cm etwas in den Schenkel zu rammen, was ja auch einer gewissen Kraft bedarf.
Auch wenn die Chance, daß der Täter ermittelt wird, eher gering ist, entschieden wir uns doch dazu, Anzeige bei der Polizei zu erstatten und die Öffentlichkeit zu informieren.
Die nächsten zwei Wochen waren für uns alle hart. Die Wunde blutete und eiterte immer wieder und mußte mehrmals täglich wegen der Infektionsgefahr gereinigt werden. Der Tierarzt kam täglich, um den Wundkanal zu spülen und Medikamente zu verabreichen. Phoenix konnte nicht richtig laufen und hatte Schmerzen beim Wasserlassen. Einen Abend ging es ihm so schlecht, dass ich die Nacht bei ihm im Stall verbracht habe. Die Wundversorgung wurde immer schwieriger und zweimal hat er mich vor Schmerzen sogar getreten. Aber unser Phoenix ist ein zäher kleiner Bursche und ein Kämpfer. Inzwischen heilt die Wunde von innen her gut zu und wir sind überzeugt, daß er das Schlimmste überstanden hat. Trotzdem wird er wohl nie mehr der alte sein, denn die seelischen Wunden heilen nicht so schnell – vielleicht nie. Zum Verhängnis wurde ihm, dass er nie schlechte Erfahrungen gemacht hat und auch fremden Menschen gegenüber sehr aufgeschlossen und vertrauensvoll war.
Die Stallgemeinschaft hat trotz dieses Vorfalls entschieden, die Pferde weiter auf die Weide zu lassen, da wir davon überzeugt sind, daß eine reine Stallhaltung für unsere Tiere nicht lebenswert ist. Mit dem Risiko und der Angst werden wir leben müssen, denn vor so kranken Verbrechern kann man sich nicht schützen.
Trotzdem haben wir im Gegensatz zu anderen noch Glück gehabt. Hätte der Tierquäler eines der im Oberschenkel gelegenen größeren Gefäße getroffen, wäre unser Senior noch nachts verblutet – weil er den Menschen zu sehr vertraute.
Marion Kopp
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